"Accords nouveaux" – eine Einführung

Die Laute ist der Oberbegriff für eine grosse Zupfinstrumentenfamilie. Das Hauptmerkmal dieser Familie ist der Klangkörper (Korpus), der die Form eines der Länge nach halbierten Tropfens mit einer mehr oder weniger flachen Decke aufweist. Der Hals schliesst an das auslaufende Ende des Korpus an und weist je nach Lautentyp verschiedene Ausformungen auf: mit abgeknicktem Wirbelkasten und/oder mit verschiedenen Formen der Halsverlängerung für die Bass-Saiten.
Die Laute wurde in Europa spätestens ab dem 14. Jahrhundert gespielt. Im Verlauf der Jahrhunderte wurden vielerlei Typen für die unterschiedlichen Anforderungen und Verwendungszwecke entwickelt. Um 1800 verschwand die Laute fast ganz aus dem Musikleben, um gegen Ende des 19. Jahrhunderts langsam wieder aufzutauchen. Einen Überblick über die verschiedenen Lautentypen, die Begründungen für die Entwicklungen und eine Einführung in die Welt der Tabulatur (Griffschrift) bietet das Buch "Die Laute in Europa".

Im 16. Jahrhundert wurde die normalerweise 6-chörige Laute in reinen Quarten und einer grossen Terz zwischen dem 3. (dritthöchsten) und 4. (vierthöchsten) Chor gestimmt (ffeff – zu dieser Stimmungsanweisung siehe Abhandlung - Accords). Der "Grundton" der Stimmung hängt von der schwingenden Saitenlänge (Mensur) des Instruments ab. Die üblichsten Stimmungen waren diejenige in a (a' e' h g d A) resp. g (g' d' a f c G). Diese Stimmung (accord) wurde später "vieil ton" genannt – dies im Gegensatz zur d-Moll-Stimmung (f' d' a f d A – hier "nouvel accord ordinaire" oder abgekürzt NAO – als Stimmungsanweisung auch dfedf – genannt), die sich ab ca. 1640 für die sechs am meisten gegriffenen Chöre der Barocklaute durchgesetzt hat.
Weshalb nun gegen 1624 der "vieil ton" verlassen wurde und Experimente mit verschiedenen neuen Stimmungen – den "accords nouveaux" – begannen, wird von keiner historischen Quelle begründet. Unsere Erklärungsversuche sind also Hypothesen.

Unter den "accords nouveaux" versteht man diejenigen Lautenstimmungen, die sich einerseits noch an den "vieil ton" anlehnen, sich aber auch schon deutlich von ihm unterscheiden, andererseits aber noch nicht dem "nouvel accord ordinaire" (NAO) entsprechen.
Die "accords nouveaux" wurden vereinzelt bis gegen 1710 neben dem NAO verwendet und sind in deshalb nicht "nur" Übergangsstimmungen, sondern durchaus auch als eigenständige Stimmungen zu sehen.

Der Begriff "accords nouveaux" geht auf die Sammlungen von 1631 und 1638 aus der Offizin Ballard zurück mit dem Titel "Tablature de Luth de differens autheurs sur les accords nouveaux". Es gibt mehr Stimmungen als diejenigen, die in Ballards Drucken vorkommen. Somit ist es bei denjenigen Stimmungen, die in Ballards Drucken nicht vorkommen, Ermessensfrage, welche trotzdem den "accords nouveaux" zugehörig betrachtet werden und welche nicht. Diese Seite richtet sich mindestens vorläufig nach den 12 Stimmungen, die François-Pierre Goy in seiner Abhandlung als "accords nouveaux" akzeptiert hat. Die Liste ist hier als PDF herunterzuladen.

Im ähnlichen Zeitraum wurden auf der Lyra viol – einer Art Viola da Gamba – viele Stimmungen ausprobiert, die zum Teil mit "accords nouveaux" der Laute übereinstimmen. Ebenso wurde mit der Stimmung der Mandore und der Barockgitarre experimentiert. Um hier Querverbindungen zu ermöglichen, werden diese drei Instrumente und deren Stimmungen ebenfalls dargestellt.

Fest steht, dass im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert auch ein ästhetischer Wandel stattgefunden hat und die Laute spieltechnisch auf neue Weise behandelt wurde. Ebenso wurde die Anzahl Chöre der solistisch eingesetzten Laute nach und nach auf 11 resp. 12 gesteigert und die Basschöre ab dem 6. Chor werden ab 1611 in einer diatonischen Tonleiter gestimmt.

Weil die Notation der solistischen Lauten-, Lyra viol-, Mandore- und Barockgitarrenmusik fast ausschliesslich in Tabulatur (einer Griffschrift) erfolgte, war die Verwendung verschiedener Stimmungen unkompliziert und kann die jeweils verwendete Stimmung aus der Tabulatur abgeleitet werden.