Temperatursysteme
Ein System, das in sich "Fehler"
enthält, zwingt zu Anpassungen resp. zum Setzen von
Prioritäten. Diese Anpassungen können pragmatisch erfolgen
(was in der Musikpraxis häufig der Fall war und ist)
und/oder theoretisch begründet werden (was Inhalt der
Theorien der Tonsysteme seit den Griechen ist).
Grundsätzlich ist somit zu beachten, dass es einen
Unterschied zwischen Theorie und Praxis gab und gibt:
Theoretisch-rechnerisch gehen viele Temperaturen resp.
Stimmungen nicht auf. In Praxis können aber oft mit etwas
pragmatischem Vorgehen klanglich befriedigende Resultate
gefunden werden.
Bis zur Renaissance wurde mindestens für Instrumente
vornehmlich die pythagoräische Stimmung
verwendet. Diese basiert auf reinen Quinten.
Die für die Instrumente ab der Renaissance benutzte
Stimmungsart ist die Gruppe der mitteltönigen Stimmungen und
Temperaturen. Diese favorisiert reine
Terzen.
Andreas Werckmeister veröffentlichte 1681 und 1691 die
ersten Beschreibungen verschiedener
wohltemperierter Temperaturen. Diese
zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Quinten so
unerschiedlich behandeln, dass enharmonische Verwechslungen
„erträglich“ klingen und damit alle Tonarten des
Quintenzirkels brauchbar machen – dies im Gegensatz zur
mitteltönigen und zur pythagoräischen Stimmung resp.
Temperatur, welche nur einen beschränkten Ausschnitt des
Quintenzirkels zur Verfügung stellen und eine Wolfsquinte –
d.h. eine völlig unbrauchbare Quinte, die den "Fehler"
aufnimmt, der durch das reine Stimmen der Quinte (bei der
pythagoräischen Stimmung) resp. der grossen Terz (bei der
mitteltönigen Stimmung resp. Temperaturen) entsteht.
Im Gegensatz zur gleichstufigen Temperatur (s.u.) klingen
jedoch bei den wohltemperierten Temperaturen die Akkorde
unterschiedlich: Es existiert also ein klar hörbarer
klanglicher Unterschied zwischen den Tonarten.
Die gleichstufige Temperatur – für
Bundinstrumente praktisch bekannt seit Galilei 1581, jedoch
für Tasteninstrumente erst gegen das 19. Jahrhundert mehr
und mehr verwendet – geht von 12 vollständig identischen
Halbtonschritten zu 100 Cent aus. Somit klingen alle
Tonarten im Prinzip gleich – lediglich die unterschiedliche
Tonhöhe führt zu unterschiedlicher Färbung, weil die
meisten Instrumente keine ganz gleichmässige Klangstruktur
haben, sondern bautechnisch resp. durch die Stimmung
bedingt von Ton zu Ton unterschiedliche Eigenresonanzen
aufweisen.