Mandora / Galizona / Colascione (Andreas Schlegel)

Am 5. Mai 2016 fand das Symposium „Mandora & Galichon“ im Rahmen des Musikfests Eichstät „Alte Musik neu entdecken“ statt.
Ich hielt den Eingangsvortrag mit dem Titel „Chitarra [italiana], Colachon, Calcedon, Gallichon, Mandore, Mandora - da bringen wir Linie rein! Terminologie und Spielweisen der „vereinfachten Lauten“. Dabei gab ich Grundlagenmaterial ab, das hier zur Verfügung gestellt wird.
Beim Quellenkatalog und Instrumenten-Katalog habe ich die Co-Referenten (Pietro Prosser, Frank Legl, Dieter Kirsch, Matthias Schneider, Markus Lutz, Bob van de Kerckhove) und weitere Forscher (Tim Crawford, David van Edwards, Klaus Martius, Chris Egerton, Jiri Cepelak) zur Mitarbeit eingeladen. Erfreulicherweise durfte ich viele Rückmeldungen einarbeiten, so dass die vorliegenden Kataloge ein Gemeinschaftswerk darstellen.

Zur Terminologie
Wir versuchen in einer Arbeitsgruppe, eine gemeinsame Position zur Terminologiefrage zu entwickeln. Unbestritten ist, dass es mindestens drei Typen gibt, welche exakt auseinandergehalten werden können:

1.Der Colascione:
Ein von der türkischen Tanbur abgeleitetes zwei- bis dreisaitiges Instrument mit einem sehr langen Hals, welches vornehmlich in Süditalien (Neapel) verwendet und von reisenden Virtuosen im 18. Jahrhundert auch in den Norden gebracht wurde. Dieses Instrument wurde 1481 von Tinctoris „Tambura“, von Mersenne in dessen Harmonie Universelle von 1636 und enstprechend von Athanasius Kircher „Colachon“ genannt.

2. provisorische Bezeichnung: Galizona / (Colachon)
Ein meist 6-chöriges (manchmal auch nur 6-saitiges) Instrument mit einer Mensur von 85,8 bis 93,4 cm und der normalen Stimmung in a e c G D C (manchmal wird der 6. Chor tiefer gestimmt bis zum A), welches von Janowka 1701 in seinem Clavis ad thesaurum als „Colachon“ und „Galizona“, vom Instrumentenkundler James Talbot um 1700 aber als „Calascione“ und „Colachon“ bezeichnet wird. Hier wird offensichtlich, dass der Begriff „Colachon“ für die 3-saitige Colascione und das 6-chörige Instrument in a verwendet wird.
Die Telemann-Werke, bei denen Stimmen mit „Calcedon“, „Calcedono“, „Calchedon“ u.ä. beschriftet sind, beziehen sich gemäss bisherigem Erkenntnisstand auf dieses gross mensurierte Instrument „Galizona“, das - von wenigen Stellen mit mehrstimmigen Passagen einmal abgesehen - als Mitglied der Bass-Gruppe wie das Cello oder das Fagott nur einstimmig eingesetzt wurde.

3. provisorische Bezeichnung: Mandora in d’, e’ etc. / (Gallichona)
Ein 6- bis 9-chöriges Instrument, dessen höchster Chor normalerweise in d’ oder e’ gestimmt ist und Mensuren zwischen ca. 60 bis 78,4 cm aufweist. Die Stimmung in e’ entspricht der heutigen Gitarrenstimmung e’ h g d A E; die Stimmung in d’ lautet entsprechend d’ a f c G D.
[Die Sonaten von Brescianello, welche auf dem Titelblatt der „Gallichona“ zugeschrieben sind, wurden von Ruggero Chiesa in dessen Edition fälschlicherweise der Colascione zugeschrieben, was zu einem kompletten Durcheinander geführt hat.]
Das Instrument in d’ wird in Quellen „Mandora“, „Mandor“, „Gallichona“, „Gallishon“ u.ä. genannt, das Instrument in e’ meist „Mandora“.
Der Stimmton der höchsten Saite kann nur bei Werken bestimmt werden, bei denen die Tonart definiert ist oder für die Stimmenmaterial in gewöhnlicher Notenschrift vorliegt: Die Tabulatur gibt keine Tonhöhe, sondern Greiforte auf dem Griffbrett an. Somit dürfte es sinnvoll sein, Typ 3 als „Mandora“ zu bezeichnen und den Stimmton der Chanterelle hinzuzusetzen – wo dies zweifelsfrei möglich ist.

Die eindeutigste Bezeichnung für das Instruments in a steht zur Zeit in Diskussion. Ebenso, ob die meist in e und d, aber auch in es, c und h gespielten kleineren Instrumente je nach Stimmton unterschiedlich genannt werden sollen. Wir hoffen, uns entweder bald zu einigen - was auch heissen kann, dass weiterhin unterschiedliche Bezeichnungssysteme in Umlauf bleiben. Es gibt für mehrere Varianten gute Gründe!


Hinweis: Die „Mandora“ hat nichts gemein mit der „Mandore“. Zur „Mandore“ geht es hier.

Listen:

1. Liste aller Instrumente (Datei „Instrumente_MGC_20160626“)
Basis dieser Liste bildeten Abfragen im „Lautenweltadressbuch“, das am Germanischen Nationalmuseum hauptsächlich von Klaus Martius betreut wurde. Die Suche „Mando“ ergab auch Treffer zu Mandolinen und Mandolen sowie vielen zweifelhaften Instrumenten. Ergänzt wurden diese Daten durch die in den Arbeiten von Dieter Kirsch und weiteren Autoren sowie Privatkorespondenz mit diversen Lautenmachern.
Im jetzigen Zustand ist es noch eine Datenbank, die die fraglichen Instrumente weiterhin enthält.
Zu den Feldern:
Collection: Museum, Sammler, Besitzer (meist anonymisiert)
Lute ID: Identifikationsnummer aus dem Lautenweltadressbuch. Fehlt hier die Nummer, ist das Instrument dort nicht verzeichnet.
Inv.No: Bezeichnung innerhalb grösserer Sammlungen
Place: Auf der Etikette erwähnter Entstehungsort des Instrumentes - meist des Instrumentes in ursprünglicher Form, manchmal aber des Umbaus / der Reparatur.
Date: Auf der Etikette erwähntes Datum, ansonsten Schätzung.
Sig/Marks: Etikette / Markierungen.
Type: Bezieht sich auf das Blatt mit den Hals- und Wirbelkastenformen. Im Moment nicht zugänglich.
Rose: Der Buchstabe bezieht sich auf das Blatt mit den Rosetten-Pattern. Im Moment nicht zugänglich.
M G C F:
M = Mandora (= in e1 gestimmtes Instrument)
G = Gallichon (= in d1 gestimmtes Instrument)
C = Colachon (= in a gestimmtes Instrument)
F = Fake: im späten 19. Jahrhundert für den Sammlermarkt nachgeahmte oder aus alten und neuen Bauteilen zusammengemischte Fälschungen, z.B. aus der Werkstatt von Franciolini.
Material: Anzahl Späne, meist mit Angabe des Holzes.
String disposition: Diese Angaben habe ich normalisiert. Die erste Zahl zeigt die Gesamtzahl der Chöre / Einzelsaiten an. Dann folgt vom Diskant her die Angabe, die sich auf die Bohrung im Steg (und meist auch Einteilung am Sattel) bezieht: Anzahl x Anzahl Saiten pro Chor. Ein „+“ bedeutet, dass die folgenden Chöre dieselbe Mensur aufweisen. Ein „/„ zeigt an, dass die folgenden Chöre eine andere Mensur aufweisen.
Vermassung generell: Die Vermassung von Mandoren wurde von Bob Van de Kerckhove und mir vom 23.-25. Juni 2016 anhand von Museumsbesuchen verfeinert. Die Anleitung kann hier heruntergeladen werden.
Stehen bei einem Instrument ohne verlängerte Bässe zwei Zahlen, widersprechen sich zwei Angaben und sind diese noch nicht definitiv verifiziert.
Copied By: Autor des Eintrags ins Lautenweltadressbuchs; Beiträge der oben genannten Mitarbeiter sind mit den Initialen abgekürzt.
Remarks: Zusatzinformationen
Literature: Sollte in Zukunft auch gesondert Abbildungen enthalten.
Kirsch 1994: „Biogr.“ bedeutet, dass zu diesem Instrumentenmacher biographische Angaben in Kirschs Aufsatz „Die Mandora in Österreich“ zu finden sind. „Tab.“ weist auf entsprechende Tabellen in diesem Aufsatz hin, „Abb.“ auf entsprechendes Bildmaterial.
Remarks AS: Angaben über die Herkunft ergänzender Angaben und weitere Notizen.

Bob Van de Kerckhove hat in seinem Vortrag vom 5. Mai 2016 in Eichstätt gezeigt, dass mindestens in der Werkstatt von Gregor Ferdinand Wenger in dessen früher Phase (1705 bis ca. 1730) grundsätzlich derselbe Korpus für Barocklauten, Mandoren in e’, Gallichonen in d’ und Colachon in a verwendet werden konnte. Da besteht kein prinzipieller bautechnischer Unterschied – lediglich die Länge des Halses entscheidet über den Instrumententyp. Es handelte sich also um „Mehrzweck-Muscheln“, welche je nach Disposition einen anderen Hals-Anschnitt erhielten:
Für Barocklauten war ein breiterer Anschnitt vonnöten (ca. 95 bis ca.110 mm; für Arciliuto und Tiorba liegen sie bei ca. 95 bis ca. 125 mm), wodurch der Halsklotz kleiner ist als beim schmaleren Anschnitt für eine Mandora, Gallichon oder Colachon (je nach Disposition zwischen knapp 60 bis knapp 82 mm), bei dem im Korpus mehr Material stehen bleibt.
Ergo könnten auch die jetzigen Mandoren potenziell ursprünglich als Gallichon in d’ oder gar als Colachon in a gebaut worden sein: Eine ursprüngliche Colachon konnte durch eine Halskürzung zu einer Gallichon, diese wiederum durch eine Halskürzung zur Mandora umfunktioniert werden.
Eine geringe Breite des originalen Halsansatzes (unter ca. 95 mm) schliesst die Verwendung des Korpus als Barocklaute aus.

2. Liste der musikalischen Quellen (Datei „Quellen Mandora Gallichon Colachon“):
Hier sind alle Quellen, welche ich während Jahren aus Literatur zusammengetragen und am 23.4.2016 mit den Einträgen im RISM-OPAC abgeglichen habe. Darunter befinden sich auch zweifelhafte Quellen wie z.B. Quellen, welche in der Zeit oder von heutigen Forschern für Mandola bezeichnet sind sowie einige Quellen für frühe Mandoline und Quellen von Komponisten, die genauer zu untersuchen wären.
Ich bin dankbar für Meldungen neuer Erkenntnisse und von Korrekturen.
Zu den Feldern:
Sigel: siehe RISM-Sigelliste
RISM-OPAC: In diesem Online-Katalog werden zum Teil ganze Handschriften, aber auch die darin enthaltenen einzelnen Werke verzeichnet. Es ist ein „Work in progress“. Die ausgewerteten Abfragen der jetzt publizierten Liste bezieht sich auf den 19. und 23. April 2016. Es wurden die Abfragen „Calcedon“, „Chalcedon“, „Gallichon“, „Mandola“, „Mandoline“, „Mandora“, „Mandore“ ausgelesen und in einer Datenbank mit dem Namen „RISM 20160419“ mit 2’284 Datensätzen vereinigt. Daraufhin wurden die nicht als Mandora-Quellen infrage kommenden „Mandolinenquellen“ aussortiert (es blieben 1’518 Datensätze) und mit der 2010 als Vorarbeit für das Buch „Die Laute in Europa 2“ erstellten Datenbank „Quellen Mandora Gallichon Colachon“ abgeglichen.
verz. = Die Quelle ist als Ganzes verzeichnet.
Stücke = Die einzelnen Stücke dieser Quelle sind in RISM-OPAC differenziert erfasst (meist sogar mit Incipit).
-- = Quelle nicht erfasst, obwohl sie bei den Abfragen hätte erscheinen müssen.
Instrument: Steht ein * hinter dem Namen, handelt es sich um die in der Quelle auftauchende Bezeichnung in originaler Schreibweise.
Komponist: Ist eine Quelle als Ganzes einem Komponisten zuzuschreiben, steht dessen Name in dieser Spalte.
Datum: Diese Datierngen sind oftmals nur Einschätzungen. Genaue Jahreszahlen deuten auf konkrete Datierungsgründe hin.
Prosser: In seiner grundlegenden Dissertation hat Pietro Prosser eigene Sigel verwendet. Diese sind hier aufgeführt.
Notation:
Tab F = französische Lautentabulatur
Mensural = gewöhnliche Notenschrift, wobei (wo bekannt) die verwendete Schlüsselung angegeben ist.
Stimmung: Nach dem Traficante-System angegebene relative Stimmung.
KM: Die Quelle enthält Kammermusik. Da Kammermusik normalerweise Stimmenmaterial in gewöhnlicher Notenschrift beinhaltet, kann die Tonhöhe der Chanterelle des in Tabulatur notierten Instrumentes abgeleitet werden.
Chanterelle: Lässt sich die Tonhöhe der Chanterelle aus dem Quellenmaterial ableiten, wird die Tonhöhe der Chanterelle hier angegeben.
KM Besetzung: Falls bekannt, wird die Besetzung mit den RISM-Abkürzungen verzeichnet.
Besonderes: Sammelfeld für Bemerkungen, Besetzungen etc.
Kirsch: Informationen, die ich einer Publikation und privater Korrespondenz mit Dieter Kirsch entnommen habe. FRAGE sind Quellen, zu denen Unklarheiten bestehen.
Herkunft: Versuch einer regionalen Zuschreibung der Quelle nach heutiger Grenziehung.
Ort: Aufbewahrungsort.
Kennung: allenfalls zu „Sigel“ abweichende Bezeichnung.
Kirsch 1994: Informationen aus Die Dieter Kirschs Aufsatz „Die Mandora in Österreich“.
Solo: Enthält eine Quelle Solo-Stücke, sollte dies in Zukunft dort mit der Anzahl Werke eingetragen werden.
Provenienz: Herkunft der Quelle.
Schreiber/Arrangeur: Die Hände können manchmal zugeteilt, manchmal sogar mit Namen identifiziert werden.


3. Literaturliste (Datei „Literatur_M_G_C_20160501“)
Diese Liste ist ebenfalls ein Work in Progress. Ich bin dankbar für Ergänzungen und Korrekturen.