Ein kurzer historischer Abriss vom Grundmodell der Laute des 16. Jahrhunderts bis hin zu den 10- und 11-chörigen "normalen" Barocklauten und der Laute mit Doppelwirbelkasten

Die "normale" Lautenform des 16. Jahrhunderts weist einen abgeknickten Wirbelkasten auf. Diese Form ist und bleibt auch bis zum Aussterben der Laute Ende 18. Jahrhundert das grundlegende Modell. Meist wurde dieser Grundtyp mit 6 Chören (einer einzelnen höchsten Saite – Chanterelle genannt – und doppelt bezogenen tieferen Chören) gebaut.
Hier eine Kopie der so genannten Gerle-Laute, die zwar erst 1580 in Innsbruck gebaut wurde, aber auf ältere Konzepte und proportionale Prinzipien zurückgeht. Die schwingende Saitenlänge (Mensur) beträgt 60 cm. Somit handelt es sich um eine Alt-Laute.
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6-chörige Renaissancelaute nach Gerle 1580, Mensur 60 cm, Front / Rücken (gebaut von David Van Edwards)
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Stimmung einer 6-chörigen Renaissancelaute in G, ab 4. Chor mit Oktavsaiten

Ab 1574 beginnt mit dem in Strassburg gedruckten Lautenbuch von Melchior Newsidler "Teütsch Lautenbuch" das Erweitern des Tonumfangs der Laute von zwei Oktaven auf zwei Oktaven und eine Quarte – ohne Verlängerung der Mensur im Bassregister! Die wahrscheinlichste Hypothese ist, dass ein Verfahren entwickelt wurde, die das Erschweren des Darms und somit eine höhere Dichte erlaubt.
Die Ambituserweiterung im Bass wurde zuerst nur mit einem einzigen zusätzlichen Chor vollzogen, der eine Quarte unter dem 6. Chor lag.
8-chörige Lauten (erstmals in Matthäus Reymanns Leipziger Druck "Noctes musicae" 1598 gefordert) hatten den siebenten Chor meist einen Ton tiefer als den sechsten und den achten Chor meist eine Quarte oder Quinte tiefer als den sechsten Chor gestimmt.
Als Beispiel wird hier eine 8-chörige Tenorlaute mit einer Mensur von 67 cm abgebildet, die nach einem Original von Magno Dieffopruchar aus dem Jahre 1609 gebaut wurde. Die originalen Instrumente, die später zu Barocklauten umgebaut wurden, weisen meist eine Mensur auf, die einen relativ tiefen Stimmton (in f statt in g) nahelegen. Heute wird für 10-chörige Lauten meist eine Stimmung in g mit entsprechend kleinen Mensuren verwendet.

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8-chörige Renaissancelaute nach Magno Dieffopruchar 1609, Mensur 67 cm, Front / Rücken (gebaut von David Van Edwards)
Sti-Ren-F-8ch-ab-6-okt-Kopie
Stimmung einer 8-chörigen Renaissancelaute in F, ab 6. Chor mit Oktavsaiten

Bei 9-chörigen Lauten – erstmals im Pariser Druck von Antoine Francisque: "Le trésor d'Orphée" aus dem Jahre 1600 gefordert – war die Stimmung sehr variabel. Normalerweise stand der siebente Chor einen Ton tiefer als der sechste, der achte Chor eine Quarte und der neunte eine Quinte tiefer als der sechste.
1611 schliesslich kamen in Rom Hieronymus Kapsbergers "Libro primo d'intavolatura di lauto" und in Paris Robert Ballards "Premier livre de tablature de luth" heraus. Erst allmählich setzte sich die diatonische Stimmung der Chöre 6 bis 10 durch: Anfänglich wurde der 10. Chor auch als zusätzliche Erweiterung im Bass verwendet (z.B. B C Es F G resp. B D Es F G).
Wenn nun also das Bass-Problem weitgehend gelöst war, so konnte man durchaus von der Regel abweichen, dass die Chanterelle knapp unter der Reissgrenze stehen muss, um überhaupt genügend Ambitus zu erreichen. So ergab sich also die Möglichkeit, nicht nur mit Bass-, sondern auch mit den Diskantsaiten zu experimentieren.
Weil die Bass-Saiten sehr teuer sind, scheint es wahrscheinlicher, dass mit den billigeren Diskantsaiten als mit den Bässen Stimmexperimente gemacht wurden.
Gleichzeitig jedoch war die Stimmtonhöhe von Region zu Region verschieden und veränderte sich gerade in dieser Zeit. Von daher ist es sehr schwierig, eine verlässliche Tonhöhe in Hertz anzugeben. In der Zeit um 1600 wurde offenbar auch mit einer doppelt besaiteten Chanterelle experimentiert.
Der 10-chörige Typ war bautechnisch weitgehend identisch mit dem 8-chörigen Typ, weist aber aufgrund der zusätzlichen Chöre einen breiteren Hals auf. Alte Lauten wurden oftmals der neuen Mode angepasst. Dies geschah durch das Ersetzen des alten, schmaleren Halses durch einen neuen, breiteren Hals mit entsprechendem Wirbelkasten und dem Ersetzen des Stegs.
Im Druck "Tablature de Luth de differents autheurs sur les accords nouveaux. À Paris Par Pierre Ballard, Imprimeur du Roy pour la musique (…) 1638" wird durchgängig ein 10-chöriges Instrument vorausgesetzt. Dieser Druck beinhaltet die ersten sicher datierbaren Werke im "Nouveau accord ordinaire" (d-Moll-Stimmung).

Beim Umbau vom 10- zum 11-chörigen Instrument wurde auf der Diskantseite des Wirbelkastens ein Reiter aufgesetzt und der Steg ersetzt resp. frisch gebohrt. Weil der 2. Chor nun neu ebenfalls einzeln besaitet wurde, kam nur eine einzige Saite hinzu. Die Besaitung veränderte sich also von 1x1 + 9x2 (=19 Saiten) bei der 10-chörigen Laute zu 2x1 + 9x2 (= 20 Saiten) für das 11-chörige Instrument.
11-chörige Lauten gab es gemäss der sicher datierbaren Quellen mit Accords nouveaux spätestens ab 1642. In Paris wirkten damals als Lautenbauer Jacques Dumesnil (?-1663) und Jean Desmoulins (?-1648). In ihren Werkstattinventaren, die nach dem Tod erstellt wurden, finden sich bei Dumesnil 57 Lauten (34 fertige, 12 "meschants lutz" und 11 unfertige Instrumente), bei Desmoulins 249 Lauten (140 neue, 86 in Arbeit und 23 importierte resp. Occasion). Wieviele dieser Pariser Instrumente haben überlebt? Bekannt ist keine einzige Laute von Dumesnil und nur eine einzige Laute von Desmoulins, bei der Decke, Wirbelkasten, Steg und Hals ersetzt wurden. Original ist also ausschliesslich die Muschel (siehe Katalog des Musée de la Musique).

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anonyme 11-chörige Barocklaute, Victoria&Albert Museum London, Mensur 67 cm, Front / Rücken / Schräg (gebaut von David Van Edwards)
Sti-d-Moll-Kopie
d-Moll-Stimmung (Nouveau accord ordinaire), 11-chörige Barocklaute

Im Norden Europas (Niederlande, Norddeutschland, England und Skandinavien) wurde wohl ab ca. 1630 eine 12-chörige Laute verwendet, die laut Mary Burwell, die um 1661-1672 ein Manuskript für ihren Lautenunterricht schrieb, vom französischen Lautenisten Jacques Gaultier entwickelt wurde. Jacques Gaultier arbeitete ab ca. 1617 in England und war Lautenist am Hofe von James I und später von Charles I. Es existiert ein Stich von Jacques Gaultier nach einem Bild von Jan Lievens aus der Zeit von 1630-1633, auf welchem Gaultier eine Laute mit Doppelwirbelkasten hält.
Zugrunde liegt im Prinzip eine 8-chörige Laute, der ein zweiter Wirbelkasten auf der Bass-Seite angebaut wurde. Durch die verlängerte Mensur der tiefstklingenden Chöre konnten etwas dünnere Saiten verwendet werden, die obertonreicher und nicht gar so dumpf klingen wie dickere Saiten. Lauten mit Doppelwirbelkasten wurde ab ca. 1660 nicht mehr gebaut, blieben aber vereinzelt bis um 1700 in Gebrauch.
Dieser Typ wurde zwar von einem nach England geflüchteten Franzosen entwickelt, hingegen in Frankreich kaum je gespielt. Deshalb ist die eingebürgerte Bezeichnung "Double headed French Lute" irreführend und sollte durch "12-chörige Laute mit Doppelwirbelkasten" ("12-couse double headed lute") ersetzt werden.

Eines der sehr wenigen Instrumente dieses Typs, das erhalten ist, wurde 1638 von Raphael Mest in Füssen gebaut. Hierzu hat Kenneth Sparr einen sehr informativen Aufsatz veröffentlicht. LINK MEST

Magno_12_FrontMagno_12_RueckenMagno_12_Seite
12-chörige Laute mit Doppelwirbelkasten, Muschel nach Magno Dieffopruchar 1609,
Doppelwirbelkasten nach Gemälden und erhaltenen Instrumenten rekonstruiert,
Spielmensur 67 cm, Front / Rücken / Seite (gebaut von David Van Edwards)

Goy_6g
Accord nouveau Goy 6g für 12-chörige Laute mit Doppelwirbelkasten.

Bisher bekannte erhaltene Instrumente:

Etikette gedruckt: "Raphael Mest in Fiessen, Imperato / del Misier Michael Hartung in Pa- / dua me fecit, Anno 16[ms]33"
S-Linköping, Diocesan and County Library, Chamber of Curiosities
1x1 + 7x2 = 50,0 cm / 1x2 = 54,2 / 1x2 = 58,7 / 1x2 = 63,7 / 1x2 = 70,7 cm

Etikette ms.: "Magnus Hellmer Zue / fiessen […] 16 […] Jar"
D-Büdingen, Schlossmuseum, Inv.-nr. 1371
2x1 + 6x2 = 60,2 cm / 1x2 = 64,0 / 1x2 = 67,0 / 1x2 = 70,1 / 1x2 = 73,2 cm

Etikette ms.: "1596 / Jonas Stehelin in Argen[tum]"
Etikette ms.: "Johann Adolph Böningk: / in Böbsingen hab die lauthe / renoviret […] 12 decembr: / Anno 1662 […]"
D-Leipzig, Museen im Grassi, Musikinstrumenten-Museum, Inv.-nr. 494. Der Umbau zur Laute mit Doppelwirbelkasten dürfte 1662 erfolgt sein.
2x1 + 6x2 = 75,0 cm / 1x2 = 79,2 / 1x2 = 84,7 / 1x2 = 89,8 / 1x2 = 97,1 cm

Etikette gedruckt: "Johannes Rehm in Fuessen // me fecit Anno 160[ms]7." Nur Muschel original. Deshalb keine Mensurangaben.
Etikette gedruckt: "Matthias Hummel / Lauten- und Gei-//genmacher in Nürnberg / Anno 1[ms]701[?]"
Etikette gedruckt: Sebastian Schelle, lauten und // Geigenmacher in Nürnberg // Hummels Erben, An 17[ms]21// [ms] REPORIRT."
D-Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-nr. MIR 905.

Etikette gedruckt: "IN PADOVA Vendeliò // Venere 1603" (auffällig: "ò" und gedruckte Jahreszahl) Der zweite Wirbelkasten ist ein missratener Ersatz für den defekten originalen zweiten Wirbelkasten und weist 7 Wirbel auf (!!!), wobei alle Saiten über einen gemeinsamen Sattel geführt werden. Somit hat der "Restaurator" das Prinzip dieses Instrumentes offensichtlich nicht verstanden und ist auch nur die Mensur des petit jeu aussagekräftig.
D-Darmstadt, Hessisches Landesmuseum, Inv.-nr. Kg 67: 106, früher M. I. 30.
1x1 + 7x2 = 67,0 cm

Anonyme Laute. Nur die Decke scheint mit Sicherheit original zu sein.
Tokyo, Ueno Gakuen College, Inv.-nr. 28.44
1x1 + 6x2 = 62,5 cm / 5x2 [!!! moderne Ergänzung, deshalb ohne Mensurangabe]

Etikette: "Giorgio Reicard Fiorenza" Etikette: "Peter Harlan 1931" Zweifelhaftes Instrument. Hals und Wirbelkasten stammen wohl von Peter Harlan. Deshalb sind keine Masse aussagekräftig.
Berlin, Staatliches Institut für Musikforschung, Inv.-nr. 4666