Die Angélique / die Angelica / Angelika – ein Modeinstrument aus der Theorbenfamilie

Struktur:

1 Einführung
2 Instrumente
3 Musikquellen
4 Ikonografische und literarische Quellen und deren Inhalt, chronologisch geordnet
5 Chronologische Zusammenfassung

1 Einführung

Die Angélique ist ein Zupfinstrument der Lautenfamilie – genauer der Theorbenfamilie, also der Instrumente mit frei schwingenden Bass-Saiten, die an einem verlängerten Hals mit eigenem Wirbelkasten angebracht sind. Die Angélique weist 16 bis 17 einzeln besaiteten Chöre auf, die im Prinzip komplett diatonisch gestimmt sind (e’ d’ c’ h a g f e d c H A G F E D C – Ausnahme: Bei 16-chörigen Instrumenten kann der 16.Chor auf C gestimmt sein und somit eine Terz unter dem 15. Chor liegen). Die Saiten werden der Tonart angepasst.

Es scheint drei Zentren gegeben zu haben: Paris / Frankreich, Strassburg / Mainz und nördlich-nordöstliches Deutschland. Die französisch/rheinischen und nordostdeutschen Zentren scheinen sich in Musikrepertoire und Instrument etwas zu unterscheiden. Hingegen muss man sich immer bewusst sein, dass dieses Bild nur aufgrund weniger Quellen (erhaltene Instrumente, erhaltene Musik, Ikonographie) entstanden ist. Jeder neue Fund kann erhebliche Auswirkungen auf unser heutiges Bild über die Angélique haben.

Deutsche Instrumente:
Die Disposition lautet bei deutschen Instrumenten 10 Chöre auf dem petit jeu und die restlichen 6-7 Chöre auf dem grand jeu, das in Form eines Schwanenhalses ausgeführt ist. Das Grössenverhältnis zwischen petit jeu und grand jeu beträgt etwa 2:3 (Quinte). Die Mensur beträgt bei der Fleischer-Angélique 70,5 / 102,5 cm, bei der Tielke aus Schwerin 71,6 / 105,6, bei derjenigen aus Zürich 68,0 / 100,3.
Aufgrund der ähnlichen Bauweise wurden Angéliques in Deutschland zu Barocklauten mit Schwanenhals umgebaut: Es musste nur der Steg ersetzt und zusätzliche Wirbel angebracht werden – oder man spielte das Instrument einsaitig bezogen.
120-ASchwerin-k30
Angélique (deutscher Typ) von Joachim Tielke (s.u.), Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern
Interessanterweise sind die Nummern des Chores gleich unter der Rosette und oberhalb des Stegs auf der Decke notiert! (Herzlichen Dank an Wolfgang Wenke, der mir Werkstattfotos zu diesem Detail gezeigt hat.)

Französische Instrumente scheinen sich eher an der Theorbe zu orientieren, jedoch mit einem kleinen, fast halbrunden Korpus mit wenig Spänen und mit der Disposition 8x1/8x1. Ein naher Zusammenhang mit der kleinen 14-chörigen „Théorbe de pièces“, die in d gestimmt ist und den identischen Tonumfang hat, ist augenfällig (obwohl kein solches Instrument erhalten ist).
Bilder des französischen Typs (genauer vom Instrument E.980.2.317 können auf der Seite der Mediathek der Cité de la musique auf http://mediatheque.cite-musique.fr unter „collections du musée“ - „photos“ mit dem Suchbegriff „angelique“ gefunden und angesehen werden.

In der Forschungsgeschichte wurden mehr als 14-chörige Instrumente oft einfach als Angéliques bezeichnet. Bei differenzierter Betrachtung der Entwicklung der Theorbeninstrumente sieht man, dass offensichtlich Theorben mit unterschiedlicher Anzahl Saiten existiert haben müssen: 11-chörige, 14-chörige, 18- und 19-chörige Instrumente sind aus den erhaltenen Quellen gesichert. Somit müssen alle als Angéliques eingestuften Instrumente sorgfältig überprüft werden.

In diesem Zusammenhang ist ein Vergleich der Notation der Basschöre von Theorbe/Laute und Angélique aufschlussreich: Die Notation für Angélique ist eine von der Laute und Theorbe weitgehend unabhängige Schreibweise (nur die Schweriner Handschrift weicht von diesem System ab, indem die Bässe mit der Nummer des Chores notiert sind, also mit 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 und 17):
7 a unter System
8 a
9 /a
10 //a
11 ///a
12 ////a
13 /////a
14 4
15 5
16 6
17 7

Dies im Gegensatz zur Theorbe und der Barocklaute (franz.Tabulatur):
7 a unter System
8 /a
9 //a
10 ///a
11 4 (in der Frühphase der 11-chörigen Laute auch ////a)
12 5
13 6
14 7

Diese Verschiebung gegenüber der Laute/Theorbe, die vom unterstrichenen 8. Chor herrührt, ist seltsam und in Praxis etwas verwirrend.

Hinweis:
Das noch heute verwendete Verzeichnis von Pohlmann (Laute, Theorbe, Chitarrone) enthält viele Irrtümer – gerade auch bezüglich der Angélique. Die wichtigsten seien hier aufgeführt:
Quellen:
Königsberg (heute Vilnius) A 116: Kein Stück für Angélique enthalten.
London Sloane 2923: Kein Stück für Angélique enthalten.
Schwerin: Signatur muss Ms. mus. 640 heissen.
Instrumente:
Die Instrumente von Fleischer und Tielke sind irrtümlich doppelt aufgeführt.
Das Instrument aus Bruxelles (Nr. 1578) ist gemäss Augenschein des Verfassers zusammen mit Marcus Wesche und Renzo Salvador vom Frühjahr 2009 wohl eher ein Tiorbino. Ausser der Anzahl Saiten (17 einzeln besaitete Chöre) weist nichts auf eine Angélique, viele bautechnische Details jedoch auf ein in Italien gefertigtes Tiorbino hin. Die Disposition mit 9x1 = 53,8 + 8x1 = 106,8 passt wegen der zu kleinen Mensur des petit jeu nicht zur Idee einer Angélique.

2 Instrumente

Erhaltene Instrumente

a) im Originalzustand

Französischer Typ:

anonym (apokryphe Etikette „Joan d’Arion / in Bollonia 1574“) Paris, Cité de la Musique, E.980.2.317, ca. 1680
petit jeu 8x1 = 69 cm / grand jeu 8x1 = 114,5 cm
Abbildung und Beschreibung in:
Les luths (Occident). Catalogue des collections du Musée de la musique (vol.1), Paris 2006, S.94-95
Dugot, Joël: Approche iconographique du théorbe en France 1650-1700, in: Musique. Images. Instruments, N° 2 1996, S.177-184
Dugot, Joël: La facture des instruments à cordes au temps de Jacques Dumesnil et Jean Desmoulins. Une approche à travers leur inventaire après décès, in: Gétreau, Florence (Hrsg.): Instrumentistes et luthiers parisiens XVIIe-XIXe siècles, Paris 1988, S. 35-49, speziell S. 42

anonym, New Haven, University of Yale, N° 4563-60, ca. 1680
ev. gleiche Werkstatt wie Pariser Angélique? Umbau einer Laute von von Vvendelio Venere, Padua 1592
petit jeu 8x1 = 74 cm / grand jeu 8x1 = 127 cm
Abbildung und Beschreibung in:
Dugot, Joël: Approche iconographique du théorbe en France 1650-1700, in: Musique. Images. Instruments, N° 2 1996, S.177-184

Deutscher Typ:

Tielke, Joachim, Hamburg 16[ms.]704 (Schwerin, Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern; oben abgebildet)
10x1 / 6x1 (71,6 / 105,6)

Fleischer, Johann Christoph, Hamburg o.J. [1695/1700] (Schwerin, Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern) (Abb. siehe oben)
10x1 / 6x1 (70,5 / 102,5)

Typisch für diese Angéliques scheint der seitlich angesetzte Chanterelle-Wirbelkasten sowie das in der bassseitigen Wandung des unteren Wirbelkastens ausgestochene Fach für zwei Wirbel. Dieses Merkmal findet man auch bei der Barocklaute im Portrait von Adam Falckenhagen, so dass sich dort die Frage nach einer umgebauten Angélique stellt.

Beide Instrumente sind abgebildet in:
Roloff, Andreas: Per musicam ad mundum. Historische Musikinstrumente im Bestand der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin (Thomas Helms Verlag) 2008

Die Tielke-Angélique ist besprochen und abgebildet in:
Hellwig, Friedemann: Laute, Angélique und Theorbe bei Joachim Tielke, in: Ahrens, Christian und Klinke, Gregor (Hrsg.): Laute und Theorbe. Symposium im Rahmen der 31. Tage Alter Musik in Herne 2006, München & Salzburg 2009, S. 80-96
Schlegel, Andreas: Die Laute in Europa, 1. Auflage, Menziken 2006, S.41

Die Fleischer-Angélique wird abgebildet sein in: Schlegel, Andreas & Lüdtke, Joachim: Die Laute in Europa, 2., stark erweiterte Auflage, Menziken 2010.

b) umgebaute Instrumente

Deutscher Typ:

Tielke, Joachim, Hamburg (Zürich, Museum Bellerive, Inv.-nr. 1963-60.33)
68,2 / 100,2 (ursprüngliche Disposition: 10x1 / 6x1)
Dieses Instrument wurde zu einer 13-chörigen Barocklaute umgebaut. Hierfür wurden die Wirbellöcher des petit jeu ausgebuchst und neue Wirbellöcher gesetzt. Der Wirbelkasten des grand jeu wurde auf der Deckenebene (also flach) abgesägt und durch einen neuen, verlängerten Wirbelkasten in ähnlichem Stil ersetzt. Diese Spuren sind sehr deutlich auch in der belassenen Verzierung auf der wegen des Schnitts auf Deckenebene erhaltenen Rückseite des oberen Wirbelkastens zu sehen: Die Elfenbeinverzierung ist auf die ursprüngliche Länge des Wirbelkastens bezogen und der jetzige verlängerte Wirbelkasten wirkt somit merkwürdig, weil im obersten Teil keine Verzierung vorhanden ist.
Die Rosette fehlt; es existiert aber im Nachlass von Günther Hellwig ein Foto der inzwischen verschollenen Rosette. Der Steg weist eine unpassende und verkehrt aufgeleimte Abdeckung auf. Der untere Teil scheint aber aus der Zeit zu stammen.
Der Zettel soll die Jahreszahl 1680 getragen haben. Er ist aber verschollen oder befindet sich unter der Verklebung der Muschelinnenseite mit Karton. Aufgrund stilistischer Beobachtungen datiert Friedemann Hellwig das Instrument auf ca. 1704.
Das ganze Instrument sowie Details wird abgebildet sein in: Schlegel, Andreas & Lüdtke, Joachim: Die Laute in Europa, 2., stark erweiterte Auflage, Menziken 2010
Die oberen Wirbelkästen des Instruments sind abgebildet in: Ahrens, Christian und Klinke, Gregor (Hrsg.): Laute und Theorbe. Symposium im Rahmen der 31. Tage Alter Musik in Herne 2006, München & Salzburg 2009, S. 91

c) noch nicht verifizierte Instrumente, die in Fachliteratur als Angéliques aufgeführt sind:

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d) Instrumente, die in Fachliteratur als Angéliques aufgeführt sind, aber entweder nur noch wenige Teile aus ihrer Entstehungs- resp. "normalen" Gebrauchszeit des Instrumentes enthalten oder Fehlzuschreibungen / Fälschungen / Nachbildungen darstellen:

Leipzig Nr. 527 (laut Pohlmann): nicht im Lautenweltadressbuch; Mitteilung vom 18.2.10 von Klaus Martius: "Die Angélique Nr. 527 in Leipzig ist laut Kinsky (S. 123) eine "in der Werkstatt des Museums angefertigte Nachbildung". Deswegen ist sie nicht im Lautenweltadressbuch, da ja dort nur "historische Lauten" (oder was man bislang dafür hält) aufgenommen werden sollen." Literatur: Kinsky, Georg: Katalog. Musikhistorisches Museum von Wilhelm Heyer in Cöln, II: Zupf- und Streichinstrumente. Leipzig (Breitkopf & Härtel) 1912, S. 123 (Text), S. 121 (Abbildung).

Prag, Národni Muzeum Nr. 31/E 6: gemäss Lautenweltadressbuch 10x1 = 68,5 + 6x1 = 99,1 cm mit gedruckter Etikette „THOMAS HULINZCY // Fecit Pragae Anno 1754“ sowie einer handschriftlichen Etikette: „Ferd.J.BURES // PRAHA 1902 // SESTA VIL PODLE T.HULINSKÉHO“.
Jiri Cepelak schrieb mir am 14. Februar 2010 folgenden Kommentar zu diesem Instrument:
„In my research this is completely a fake, made by Mr. Bures in 1902. Allthough there is a handwriten label (on the inner surface of the block) "made after Hulinsky..." I am sure this is a romantic fiction. This instrument was never played and probably it was only a missing member of some mus. instr. collection. I had a possibility to prepare the lutes for the Prague museum exposition and this "lute" had a crack between the ribs so it was necessary to open it. During this operation I found this Bures label which has been unknown so far. This instrument bears the label Thomas Hulinzky  fecit Pragae 17
54  but this label is a transfer only, if it is not a complete fake. There is also a "baroque guitar" with the same label and year, which is - in fact - some French 19th C. guitar later decorated in the baroque style (this decoration also looks to be a bit romantic).
Here is the photo which clearly indicates the unauthentic style of work and even it is aside the real instrument making approach...“
PA140042

PA140050


München, Stadtmuseum, 47/10: Laut Lautenweltadressbuch ein massiv repariertes Instrument mit abgecknicktem Wirbelkasten und der handschriftlichen Etikette „B[?]au[?]zius Dalle Bafric d[?]a // me fecit Ano 1633“. Somit weist nichts auf eine Angélique hin.
Das Instrument, das im Lautenweltadressbuch als 9-126 "Tieffenbrucker, Magnus" geführt ist (gedruckte Etikette "Magno dieffopruchar a venitz 1576") und bei den Bemerkungen die Frage aufgeworfen wird, ob dieses Instrument als Angelica gespielt worden sei, ist heute eine Barocklaute mit Schwanenhals mit drei Wirbelkästen. Es spricht nichts für eine Angélique. Abbildung in Bletschacher, Richard: Die Lauten- und Geigenmacher des Füssener Landes, Leipzig 1978, S. 129
(Mitteilungen von Dr.Joachim Lüdtke)

Die immer wieder erwähnte "Angélique" aus Brüssel dürfte ein Tiorbino sein (s.o.)


3 Musikquellen

Drucke:

1668 Strobel: Concert für 2 Angelika und 1 Theorbe, mit Diskant und Bass, Strasburg 1668 (verschollen)

1689 Kremberg: Musicalische GemüthsErgötzung oder Arien… Dresden 1689 (RISM K 2009)
Für Singstimme, Continuo (bezifferter Bass), Laute, Angélique, Viola da Gamba, Gitarre. Singstimme und Continuo-Stimme sind mit Typendruck, die Tabulaturen für Instrumente mit Kupferstich (s.u. 1709) gedruckt.
Stimmungsanweisungen vor jedem Stück; 16-saitige Angélique in e’ d’ c’ h a g f e d c H A G F E D (mit tonartlichen Anpassungen);
Bass-Notation: 7: a unter System; 8 a; 9 /a; 10 //a; 11 ///a; 12 4; 13 5; 14 6; 15 7; 16 8

1709 Kremberg: Musicalische Gemüths-Ergetzung oder Zusammen-Stimmung vier der anmuthigsten musicalischen Instrumenten, als der Lauthe, der Angelica, der Viola di Gamba, und der Chytarra, welche nach der neuesten italiänischen und französischen Manier also eingerichtet ... [Titel auch in franz. Sprache], Mainz 1709 (RISM [AN 1864: PL-Cb):
Nachdruck der Kupferplatten von 1689, aber ohne den Typendruck mit Singstimme, Continuo-Stimme und Text.


Handschriften:

1664 ca.: F-Pn Vm7 6212 (Ms. Monin)
Diese Handschrift ist in mehreren Etappen geschrieben worden. Die Schicht mit den Einträgen für Angélique kann gemäss der Inschrift auf Vorsatzblatt V (s.unten) auf ca. 1664 datiert werden. Marguerite Monin bezeichnet sich da als Schülerin von Béthune. Welcher "Béthune" dies sein könnte, ist unklar. Bisher war "Michel de Béthune" damit verbunden worden, doch gibt es einen "Jean Betune" (s.u., Ms. Béthune), der ebenfalls in Betracht gezogen werden sollte.
Für 16-chörige Angélique (1. Eintragungsschicht, datierbar 1664, s.unten): Fol. 1r-7r: Nr. 1-9, 8-14r: Nr. 11-22, 14v-16r: Nr. 24-25, 16v-21r: Nr. 27-30, 22v-23v: Nr. 32-33, 24v-25v: Nr. 35 (oft steht: „par betune le cadet“)
16-chörige Angélique, Bass-Notation: 7: a unter System; 8 a; 9 /a; 10 //a; 11 ///a; 12 ////a; 13 /////a; 14 4; 15 5; 16 6
Für Laute (10 und 11 Chöre in dfedfe und edcedf): Datierbar sind die Gavotte „Vous savez l’amour extrême“ aus Lullys „Ballet des Muses“ LWV 32/7 von 1666 (Fol. 83) sowie das „Prélude du Sommeil“ aus der Oper „Atys“ LWV 53/54 (Fol.31), die 1676 aufgeführt wurde. Bearbeitungen aus spätere Opern: „Roland“ LWV 65/11 von 1685 (Fol. 79v-80); „Zéphir et Flore“ von 1688 (Fol. 51, 62v)
Theorbe 10-chörig (ffeff)
Vorsatzblatt V: „ce 17 nouambre 1664 monsieur de bestune a couman/ce a ma prendre…/ a iouer de langelique… Marguerite Monin“
Vorsatzblatt VIv: „ce Livre apartient/ a Madame falconet“

1670 ca.: Mainz, Privatbibliothek Federhofer, Ms. o.S.
zwischen 1670 (Angelika-Teil) und ca. 1685 (datiert 1673) in Lyon und Rom zusammengetragen.

Hand 1 = „Votre Serviteur de monehy / a Lion“ (S. 72): S. 3-9 und 64-72: Angélique
3: „pour a corde Langi làque“ mit Stimmanweisung in Tabulatur: ccbcc-cbccbcccbc
16-chörige Angélique, Bass-Notation: 7: a unter System; 8 a; 9 /a; 10 //a; 11 ///a; 12 ////a; 13 /////a; 14 4; 15 5; 16 6

Hand 2: S. 10-34: Gitarre effe (z.B. e’ c’ g dd’ (?) b) für S. 10-19, efffd (z.B. e’ c’ g dd’ (?) h) für S. 20-25; feff (z.B. e’ h g dd’ (?) a) für S. 26-34
Hand 3: S. 35: Laute dfedf-cc[bcc] (z.B. f’ d’ a f d A G F [E D C])
Hand 4: S. 36: Alfabetto für Gitarre in Normalstimmung feff
Hand 5 = „Julien / Blouin A Rome / le 11me Avril / 1673“ (S. 38): S.38-57 Gitarre in Normalstimmung feff
Hand 6: S. 58 Gitarre in Normalstimmung feff
Hand 7: S. 59-61 Gitarre in Normalstimmung feff (ohne Rhythmuszeichen)

1681 ca.: F-Pn Rés. 169 (Ms. Béthune)
Titelseite 1681 von Johann Adam Seupel (1662-1717) für den Strassburger Verleger Simon Paulli gestochen.
Eignervermerk vom 13. September 1759: „Franciscus Antonius Mutanus“
Weiterer Vermerk: „Hambourg [nicht identifiziertes Monogramm?] av[ocat] a Saverne / 1759 (?)“
Genannte Autoren: Strobel, Gumprecht, Vignon, Béthune (hat neben eigenen Stücken auch Werke von Strobel und Gumprecht eingetragen: z.B. „Allemande de Gumprecht changée par M. de Béthune“)
Valentin (II) Strobel wurde 1611 in Halle geboren und ist als Lautenist und Theorbenspieler von 1638 bis mindestens 1669 in Strassburg nachweisbar. Er soll gemäss Frankfurter Katalogen 1668 einen Druck mit „Concerten mit zwey Angeliquen und Theorbe, samt Dessus und Bassus“ veröffentlicht haben.
Johann Gumprecht der Ältere (1610-1697) wurde am 24. Januar 1610 im protestantischen Pfarreibezirk Bad Windsheim unweit von Nürnberg getauft. Nach einem Abstecher an die Universität Basel (1638 bis mindestens 1639) siedelte er nach. Dort taucht sein Name erstmals am 16. Juli 1643 auf, als er Anna Wolffhart zu seiner ersten Frau nahm. Weitere biographische Angaben sind zu finden in: Meyer, Christian und Rollin, Monique (Hrsg.): Oeuvres de Gumprecht (= Corpus des Luthistes Français), Paris (CNRS) 1993
Strobel und Gumprecht werden gegen 1690 im Ms. Milléran als Musiker „aus Strassburg“ bezeichnet.
Nicolas-François Vignon, Sohn von Hiérosme Vignon, war mit seinem Vater 1653 in Diensten der Herzogin de Lorraine in Paris. Beim Lautenisten, der laut A.Jacquot 1661 in Diensten des Herzogs de Lorraine stand, handelt es sich wahrscheinlich um den Sohn. Den Vertrag zwischen den Vignon und Guillaume Jacquesson haben wir oben (1653) erwähnt.
Béthune wurde bisher meist mit Michel de Béthune gleichgesetzt. Michel de Béthune wurde 1607 geboren und war „maître joueur de luth“, der gemäss dem Fichier Laborde am 16. Januar 1642 in Paris geheiratet und 1664 Marguerite Monin (s. 1681, Ms. Monin) unterrichtet hat.
In CLF Gumprecht, S. XVII, wird auf einen "Jean Betune" hingewiesen, der aus Paris stammt und sich 1681 in Strassburg als Angéliue- und Gitarrenlehrer für Studenten der dortigen Universität niederlässt. Seine Anwesenheit ist durch einen Brief an die Regierung von Gumprecht Vater und Sohn bestätigt, in welchem diese dem "Rat der XXI" der Stadt um ein Verbot von Bétunes Aufenthalt ersuchen (Archives Municipales de Strasbourg, Série V, liasse 51, pièce 7). Leider ist die Antwort auf dieses Begehren nicht bekannt, aber weil mindestens bisher keine weitere Erwähnung von Bétune bekannt ist, ist sein Wegzug wahrscheinlich.
Somit dürfte dieses Manuskript in Strassburg von einem Studenten geschrieben worden sein, der eine Zeit lang Schüler dieses Jean Bétune war. Das relevante Datum ist das Jahr 1681.
Beim Papier könnte sich um ein livre blanc aus der Offizin Ballard handeln – oder um ein 1681 hergestelltes livre blanc aus der Offizin von Paulli. Dies muss noch untersucht werden. Die Handschrift blieb bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Strassburg.
16-chörige Angélique, Bass-Notation: 7: a unter System; 8 a; 9 /a; 10 //a; 11 ///a; 12 ////a; 13 /////a; 14 4; 15 5; 16 6

1700-1710, ca.: Schwerin, Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Mus. ms. 640
Aus dem Besitz von Bernardina Charlotta Trezier, née Blanckenfordt; extrem sorgfältige Abschrift (mehrere ausgestrichene Stellen, die auf Verleser bei Zeilenwechsel etc. hinweisen) mit unpraktischer Seitengestaltung, weil das Blättern beim Abschreiben nicht berücksichtigt wurde. Das Manuskript dürfte in einem sehr kurzen Zeitraum geschrieben worden sein. Wegen der Bearbeitung von Campras "Aimable vainqueur" aus der Oper "Hésione", die im Jahre 1700 uraufgeführt wurde, kann die Niederschrift frühestens im Jahr 1700 erfolgt sein.
17-chörige Angélique; Bass-Notation: 7: a unter System; 8 8; 9 9; 10 10; 11 11; 12 12; 13 13; 14 14; 15 15; 16 16; 17 17
Einziger genannter Komponist: Strobel („18. Suite de Mr. Strobel, S.12-15)
Ein Brief von Wilhelm Tappert aus dem Jahre 1883 mit Auflösung der Tabulaturzeichen und einer Übertragung.
Merkwürdigerweise weisen die Instrumente in Schwerin nur 16 statt der in dieser Handschrift geforderten 17 Chöre auf.

1700-1720 ca.: Brno NM Ms. A 3.329:
Das Manuskript stammt aus den Beständen von Kloster Raigern.
Fol. 1 Stimmanweisungen für 16-chörige Angelica in Noten e’ d’ c’ h a g f e d c H A G F E C (ccbcc-cbccbcccbe),
Fol. 1v Stimmanweisungen in Tabulatur. Bass-Notation: 7: a unter System; 8 a; 9 /a; 10 //a; 11 ///a; 12 ////a; 13 /////a; 14 4; 15 5; 16 6 (Die Stimmungsdarstellung belegt eine Disposition 10x1 / 6x1.)
Genannte Autoren:
Echau de M. le Conte logis.
Marche de Prince Louÿs.
Marche de M. Conte Castell.

4 Ikonografische und literarische Quellen und deren Inhalt, chronologisch geordnet

1648, 11.8.
Dumesnil, Jacques: Werkstattinventar nach dessen Tod:
1 angélique

1653, 31.12.
Paris, Archives nationales de France, Minutier central, II, 198
Der Lautenist Jean Vignon und sein Sohn Nicolas François verpflichten sich gegenseitig für 6 Jahre als Lehrkraft für die Angélique. Als „Unterlehrer“ binden sie Henry Boileau ein. Der Lautenbauer Guillaume Jacquesson verpflichtet sich für den gleichen Zeitraum zur exklusiven Lieferung von Angéliques an Vignon- resp. Boileau-Schüler. Jacquesson sei „autheur de la fasson dudit instrument [angélique]“.
Siehe: Lesure, François: The angélique in 1653, in: The Galpin Society Journal 6 (1953), S. 111-112

1663, 11.9.
Desmoulins, Jean: Werkstattinventar nach dessen Tod:
249 Lauten und 14 Theorben, „eine Angélique mit ihrem schwarzen Holzkasten“ und „eine zur Angélique umgebaute Laute sowie drei weitere mit ihren Kästen“

1671
Chapuzeau, Samuel
Der Sachse G.Basch erteilt dem Markgrafen von Anspach Unterricht auf der Angelica
Lesure, op.cit.

1680 ca.
Netscher, Caspar (zugeschrieben): "Das Konzert", Öl auf Leinwand, D-Wetzlar, Sammlung Lemmer-Danforth, GE 8
abgebildet in: Martius, Klaus: Laute und Theorbe bei Johann Christian Hoffmann, in: Ahrens, Christian und Klinke, Gregor (Hrsg.): Laute und Theorbe. Symposium im Rahmen der 31. Tage Alter Musik in Herne 2006, München & Salzburg (Katzbichler) 2009, S.110, Text S. 111 mit Fussnote 18 für weiterführende Literatur

1687
Bonnart, Nicolas (gegen 1637-1718): "Damont joüant de l'Angélique. 1687 // Ce Galant a l'Esprit plus doux // Que Roland, ce foü phanatique ; // Car il n'est nullement Jaloux , // Que l'on aime son Angelique. // Chez N.Bonnart, rüe St. Jacques, à l'aigle, avec privilège."
Stich 27,5 x 19,5 cm, datiert 1687,
F-Pn dép. des Estampes
F-P Musée Carnevalet, G. 9138
Abgebildet in:
Dugot, Joël: Approche iconographique du théorbe en France 1650-1700, in: Musique. Images. Instruments, N° 2 1996, S.180 (Abbildung des Exemplars aus F-Pn)
Gétreau, Florence (Hrsg.): Instrumentistes et luthiers parisiens XVIIe-XIXe siècles, Paris 1988, S. 44 (Beschreibung) und 47 (Abbildung des Exemplars aus dem Musée Carnevalet).

1695
Talbot, James
siehe Prynne, Michael, James Talbot’s Manuscript: IV Plucked strings, in: Galpin Society Journal 14 (1961)
Korpuslänge 66 cm, Gesamtlänge 118,1 cm, petit jeu 10x1 = 66 cm, grand jeu 6x1 = 99 cm

1700-1701
Sauveur: Principes d’Acoustique, Paris 1700-1701
17-saitig; petit jeu 10x1, grand jeu 7x1

1750
Gotha: "Inventarium // über // Die Musicalischen Instrumenta // so beÿ Fürstl. Capelle // vorhanden // und // dern Hrn. Capellmeister Benda // übergeben worden; // den 9. Maj. 1750." … "10. Eine Theorbe, so aus einer Angelique gemacht worden."
Zitiert aus: Ahrens, Christian: »vor an der Theorbe und Laute verrichtete Reparatur« – Lauten und Theorben am Gothaer Hof im 18. Jahrhundert, in: Ahrens, Christian und Klinke, Gregor (Hrsg.): Laute und Theorbe. Symposium im Rahmen der 31. Tage Alter Musik in Herne 2006, München & Salzburg (Katzbichler) 2009, S. 62-63
Weil dieser Inventar-Eintrag nichts über die Verwendung der Angélique zum Zeitpunkt der Aufzeichnung aussagt, wird dieses Datum nicht in die chronologische Zusammenfassung aufgenommen.

5 Chronologische Zusammenfassung
Diese Zusammenfassung bildet die Grundlage für die Darstellung im Übersichtsposter des Buches "Die Laute in Europa" von Andreas Schlegel & Joachim Lüdtke, 2., stark erweiterte Auflage, Menziken 2010 (in Vorbereitung).

Es gelten (alphabetisch):

Datum ; Typ : Kennung [/] Anzahl Chöre/andere typ.Merkmale
IK = Ikonographisches Zeugnis (mit Maler/Stecher und Titel, ev. abgekürzt) (nur dann in Liste aufgenommen, wenn eindeutig das betrachtete Instrument dargestellt ist)
IN = erhaltenes Instrument (nur eindeutige und abgeklärte Instrumente, also B a & b, nicht jedoch 2 c)
QU-dr = Druck (auch nicht erhaltene, aber aus Literatur bekannte Drucke)
QU-ms = Manuskript (mit RISM-Sigel und allenfalls Bezeichnung, unter der ein Manuskript bekannt ist sowie allenfalls ein wichtiges Merkmal wie Anzahl verwendeter Chöre)
TE = Textzeugnis (mit Quelle / Stichwort)

1648, 11.8.; TE: Dumesnil
1653, 31.12.; TE: Vertrag Paris
1663, 11.9.; TE: Desmoulins
1664 ca.; QU-ms: F-Pn Vm7 6212 (Ms. Monin) 16-ch
1668; QU-dr: Strobel (verschollen)
1670 ca.; QU-ms: D-Mfederhofer 16-ch
1671; TE: Chapuzeau
1680 ca.; IN: anonym F-P 16-ch
1680 ca.; IN: anonym US-NH 16-ch
1680 ca.: Netscher, Caspar (zugeschrieben): Das Konzert
1681 ca.; QU-ms: F-Pn Rés. 169 (Ms. Béthune) 16-ch
1687; IK: Bonnart: Damon
1689; QU-dr: Kremberg 16-ch
1695; TE: Talbot 16-ch.
1695-1700; IN: Fleischer D-SW 16-ch
1700-1701; TE: Sauveur 17-ch.
1700-1710 ca.; QU-ms: D-SW 640 17-ch
1700-1720 ca.; QU-ms: CZ-Bm A 3.329 16-ch
1704 ?; IN: Tielke CH-Z 16-ch
1704; IN: Tielke D-SW 16-ch
1709; QU-dr: [Kremberg] 16-ch